Du kannst die beste Operation der Welt bekommen und trotzdem in den Tagen danach verlieren, wenn du liegen bleibst. Klingt hart, ist aber oft die Realität. Gerade nach großen Tumor-OPs entscheidet nicht nur, was im OP passiert, sondern was danach folgt: Wie schnell kommst du wieder in Bewegung? Wofür kämpfst du eigentlich gerade? Und hast du ein Ziel, das dich durch die Unwegbarkeiten trägt?

Prof. Dr. Kai Nowak, Chefarzt für Allgemein-, Gefäß- und Thoraxchirurgie am RoMed Klinikum Rosenheim, bringt es auf einen Punkt: Patientinnen und Patienten brauchen neben der Medizin ein Therapieziel und ein persönliches Ziel. Und sie brauchen einen Körper, der mitmacht, durch Bewegung, Ernährung und Muskelkraft.

Krebsbehandlung ist selten linear. Selbst bei optimaler OP und guter Vorbereitung bleiben Risiken, Komplikationen, Zufälle. Genau deshalb ist „Augen zu und durch“ als Strategie zu dünn. Was besser trägt, ist Fokus: ein klares Therapieziel und ein persönliches Ziel, das emotional auflädt, warum du das alles auf dich nimmst.

Warum das so wirksam ist? Weil Ziele Entscheidungen vereinfachen. Wenn du weißt, wofür du wieder aufstehen willst, wird „heute ein paar Schritte“ weniger zur Willensfrage und mehr zur logischen Konsequenz.

„Von daher ist es wichtig, dem Patienten klar zu machen, es gibt Unwegbarkeiten, diese Unwegbarkeiten, die muss jeder für sich in gewisser Weise in Kauf nehmen und man braucht … Ein Ziel, ein Therapieziel und auch ein persönliches Ziel ist immer ganz gut.“ (Prof. Dr. Kai Nowak, Chefarzt für Allgemein-, Gefäß- und Thoraxchirurgie)

Hier ist der entscheidende Zusatz: Dieses Ziel sieht bei jedem anders aus. Der eine will „nochmal auf ein Berg“ mit dem Enkel, der andere will Kinder bekommen, wieder arbeiten, reisen, oder schlicht den Alltag zurück.

„Bei meinen älteren Patienten ist oft das das persönliche, aber auch bei den Jüngeren ist es oft Familie oder nahe Angehörige oder was sie vielleicht noch machen wollen, erleben wollen, wo sie hingehen wollen.“ (Prof. Dr. Kai Nowak, Chefarzt)

Warum das im Klinikalltag mehr ist als ein netter Motivationsspruch: Wer ein Ziel hat, bleibt eher aktiv, isst eher mit, macht eher Physio, fragt eher nach, hält eher durch. Alles Faktoren, die am Ende Komplikationen reduzieren und Rehabilitation beschleunigen können.

Viele unterschätzen, wie schnell der Körper nach einer großen Operation in einen Abwärtssog geraten kann: flache Atmung, weniger Lungenbelüftung, Kreislauf runter, Muskeln bauen ab, das Risiko für Komplikationen steigt. Prof. Nowak beschreibt deshalb eine klare Praxis: Patientinnen und Patienten sollen möglichst am selben Tag wieder aus dem Bett.

Das ist kein „Härteprogramm“, sondern Prävention.

Jetzt der Punkt, der besonders hängen bleibt: Bei Speiseröhren-Operationen kann frühe Bewegung konkret helfen, Lungenentzündungen zu verhindern, weil du tiefer atmest, wenn du aufstehst und ein paar Schritte gehst.

„Wir wollen und wir provozieren das auch, dass die Patienten möglichst am selben Tag aus dem Bett kommen.“ (Prof. Dr. Kai Nowak, Chefarzt)

Ein unterschätzter Teil von Bewegung in der Krebstherapie ist nicht physiologisch, sondern sozial: Scham, Angst, Überforderung, das Gefühl, im normalen Fitnessstudio fehl am Platz zu sein. Genau hier setzen onkologische Bewegungsgruppen an.

Prof. Nowak erzählt, wie „Boxen gegen Krebs“ in Rosenheim entstanden ist, initiiert zusammen mit Michael Manzau. Das Format ist bewusst niedrigschwellig: kein Sparring, anpassbar, sogar im Rollstuhl möglich, mit Entspannungselementen.

„Und es ist wirklich für jeden geeignet. … Man kann das einarmig machen, man kann das im Rollstuhl machen, man kann das ganz sanft machen.“ (Prof. Dr. Kai Nowak, Chefarzt)

Warum das wirkt: Es senkt die Einstiegshürde. Menschen müssen nicht „sportlich genug“ sein, um zu starten. Sie starten, um wieder sportlich zu werden, im Rahmen dessen, was geht.

Besonders eindrücklich ist die Geschichte einer Patientin, der ein Lungenflügel entfernt wurde und die sich lange nicht mehr getraut hat, sich auszubelasten. In der Gruppe hat sie genau das wieder erlebt: einen Raum, in dem Belastung erlaubt ist, ohne bewertet zu werden.

Am Ende wird Prof. Nowak persönlich. Seine innere Leitlinie ist kein aggressiver Kampfmodus, sondern Ausdauer. Ein Bild, das viele Betroffene sofort verstehen: das Leben als Fluss, mal schwimmst du, mal hältst du dich fest, mal schluckst du Wasser. Stillstand ist die gefährliche Option.

Der Wert dieses Gedankens in der Krebstherapie: Du musst nicht jeden Tag stark sein. Du musst nur dranbleiben. Und manchmal heißt dranbleiben auch, nachzugeben, ohne den eigenen Weg zu verlieren.

 

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